Ökonomie neu denken:
Die Konferenz

Beim Erklären der globalen Finanzkrise waren die Wirtschaftswissenschaften überraschend stumm. Doch welchen Beitrag können sie zur Lösung der aktuellen Herausforderungen überhaupt leisten? Diese Frage stand im Mittelpunkt der internationalen Konferenz „Ökonomie neu denken“, die der Stifterverband gemeinsam mit dem Handelsblatt im Januar 2012 organisiert hatte.


Intro: Video mit Stimmen Streiflichtern der Konferenz


"Die bekannten makroökonomischen Modelle sind gescheitert. Wir müssen endlich mehr auf andere wissenschaftliche Disziplinen hören!" Diane Coyle, englische Top-Ökonomin und Beraterin der britischen Regierung, schleudert diese Worte förmlich in den Raum. Zwei Tage lang nahmen führende internationale Experten und Politikberater das etablierte Selbstverständnis der Volkswirtschaft kritisch unter die Lupe. So viel Selbstkritik einer wissenschaftlichen Zunft fand nur selten so geballt statt wie auf der Tagung in Frankfurt am Main.

"Wir müssen aus alten Denkmustern ausbrechen: Märkte sind nicht stabil und die zukünftige Entwicklung zu vieler Faktoren der Gesamtwirtschaft kann nicht sicher prognostiziert werden", betonte etwa Robert Johnson, Direktor des Institute for New Economic Thinking, in einer Panel-Diskussion. Das am Roosevelt Institute in New York beheimatete Institut wird von George Soros finanziert. Der weltweit erfolgreiche Investor kritisiert schon länger etablierte Theorien und Modelle der Makroökonomie.


Eine Außenseiter-Position? "Existierende Modelle gehen nicht einmal davon aus, dass Banken existieren, geschweige denn, dass sie aufgrund von Eigeninteresse in das Marktgeschehen eingreifen", kommentierte Kenneth Rogoff, Träger des Deutsche Bank Prize 2011. Auch der Shootingstar für Makroökonomie aus Harvard ließ es sich nicht nehmen, seinem Vortrag mit provozierenden Aussagen zu schärfen – für die 250 geladenen Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Volkswirtschaft.



Neustart bei Denkmodellen

Im Jahr fünf der internationalen Finanzkrise macht sich in den Wirtschaftswissenschaften ein neues Selbstverständnis breit:
Sie werden diskursiver, selbstkritischer, alte Modelle geraten ins Wanken. Es gilt, drängende Fragen zu beantworten: Welche Konsequenzen hat die Finanzkrise für Forschung und Lehre in den Wirtschaftswissenschaften? Nach welchen neuen Regeln agieren Wirtschaft, Wissenschaft und Politik seit der Krise? Benötigt unsere Gesellschaft neue Spielregeln für die Wohlstandsmessung? Wie mit der liberalisierten und globalisierten Finanzbranche umgehen? Wie trotz des Schuldendrucks in den westlichen Volkswirtschaften mehr Wachstum, vor allem nachhaltiges Wachstum erreichen?

Erster Schritt für ein "Reset von Denkmodellen" scheint das Aufrollen offenkundiger Versäumnisse zu sein. Thomas Mayer, Chefvolkswirt
der Deutschen Bank, vermittelte eindringlich, dass traditionelle Volkswirtschaft gar nicht fähig sei, die Logik von Kreditzyklen –
und damit die Dynamik der laufenden Krisen – zu verstehen.

Deswegen müsste die Wirtschaftswissenschaft wieder den Blick auf
die Geschichte der Volkswirtschaften und über naturwissenschaftliche Methoden hinaus mehr Fragestellungen aus Politik- und Sozialwissenschaft zulassen.


Überhaupt erleben alternative Ansätze einen Höhenflug.
So plädiert der Bonner Verhaltensökonom Armin Falk für die
Rückkehr eines "sanften Paternalismus". "Es gibt eine Reihe
staatlicher Eingriffe, die für die Menschen nützlich sein können",
zitiert das Handelsblatt Falk an prominenter Stelle, unter anderem
auf der Argumentation gründend, dass "der Staat seinen
Bürgern Entscheidungshilfen anbieten kann, ohne die
Entscheidungsfreiheit des Einzelnen einzuschränken".



Frischer Blick gefragt

Der Tenor vieler weiterer Statements: Wirtschaftswissenschaft muss interdisziplinärer werden, um mit frischem Blick fachübergreifend
mehr über die Welt- und Finanzwirtschaft zu forschen, zu lernen
und zu verstehen als bisher. Sicher richtig, aber gilt dieser Erkenntnisanspruch nicht auch für die Gesellschaft als Ganzes?
Zum einen haben sich offenkundig viele Ökonomen, die
für große Beratungsfirmen und Banken tätig sind, von der Übereinstimmung bestimmter akademischer Theorien mit den wirtschaftspolitischen Interessen ihrer Kunden verleiten lassen,
sich zu sehr auf diejenigen Modelle zu verlassen, die am besten passten.

Vor allem aber stellt die Krise die Frage nach dem Wirtschaftsverständnis von Politik und Bürgertum. Wie ist es mit dem Wissen mündiger Wähler über wirklich relevante Zusammenhänge bestellt? Die meisten Wirtschafts- und Finanzthemen sind nun mal komplex – zu komplex für die Gesellschaft? In der Panel-Diskussion zur Zukunft der Wohlstandsmessung betonte Justus Haucap, Professor für Wettbewerbsökonomik an der Universität Düsseldorf, die Mitverantwortung von Medien, Politik und Gesellschaft: "Ist es zum Beispiel falsch, wenn Ökonomen, die wissen, was dieses Instrument kann und was nicht, mit dem Bruttosozialprodukt (BSP) messen und arbeiten? Ist nicht eher die Art, wie Gesellschaft insgesamt mit dem Faktor BSP umgeht, das eigentliche Problem?"

Haucap meint hier die reflexartige Reaktion von Medien und Politikern, auf jede kleine Änderung von einzelnen Wachstumsprognosen mit aufgeregten Diskussionen und politischen Entscheidungen zu reagieren, als ob das BSP für die Gesellschaft wirklich das Maß aller Dinge wäre. Flankierende Alternativen zur Messung von Wohlstand, die auch soziale und ökologische Parameter erfassen, wie sie in der Wissenschaft schon lange diskutiert werden, würden hingegen nicht berücksichtigt.



Verantwortungen klären

So gesehen liegt in der gesellschaftlichen Herausforderung, Ökonomie neu zu denken, auch die Frage nach der Verantwortlichkeit in einer liberalen und krisenbehafteten Gesellschaft verborgen. "It‘s the economy, stupid", das Bonmot des US-Präsidenten Bill Clinton, gilt eben nicht nur für Volkswirtschaftlern, die immer noch so tun, als wäre Mathematik die maßgebliche Erkenntnisquelle ökonomischen Denkens. "It‘s the economy, stupid", dieser Satz eines Politikers, der aufgrund wichtiger Verfügungen in seiner Amtszeit mittlerweile auch zu den Mitverantwortlichen der fatalen amerikanischen Immobilienblase gezählt wird, gilt auch für Politiker und für uns alle.

Text: Timur Diehn | Fotos: David Ausserhofer


Tagungsbroschüre

Überblick über das
Konferenzprogramm
und die Referenten

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Konferenzbericht

Artikel im Stifterverband-Magazin
"Wirtschaft & Wissenschaft"
(Ausgabe 1/2012)

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